Kakie - Klebende Hände

Kakie - Die enge Distanz

 

Kakie ist eine für die Karate Stile Okinawas typische Übung. Meist wird sie mit den Schulen des Goju Ryu in Verbindung gebracht, da Kakie besonders in diesen Dojos gepflegt wird, und auf diesem Wege auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Nur wenige Karateka wissen, dass das Kakie in den meisten klassischen Karate Stilen zu Hause ist, und dort als eine Art Ersatz oder Vorübung für den freien Kampf eingesetzt wird.

 

Kakie, manchmal auch mit dem chinesischen Wort für klebende Hände, Chi Sao, übersetzt, hat als Übung lange Zeit ein Dasein im Dunkel gefristet, zumindest außerhalb von Okinawa. Als ich in den 80er Jahren bereits mit ähnlichen Übungen und Konzepten aus diversen Stilen (vornehmlich chinesischer oder philippinischer Herkunft) experimentierte, sagten mir viele sogenannte traditionelle Karateka, dass das mit Karate nichts zu tun habe, und nur falsche und unnütze Distanzen schulen würde. Sie konnten mit ihrer Aussage nicht falscher liegen! Unbeirrt fuhr ich mit meinen Übungen fort, ergänzte sie um weitere während ich andere wieder verwarf, und bildetet meine Schüler gerade in dieser, für Kakie notwendigen engen Distanz aus. Einige Zeit ging in´s Land, doch heute ist Kakie auch im Rest der Welt eine viel beachtete Trainingspraxis.

 

Wie lange Kakie auf den Inseln Okinawas bereits praktiziert wird, bzw. wann es dort ein fester Bestandteil des Trainings wurde, kann niemand mit Gewissheit sagen. Ebenso fehlt es an Informationen, wer es möglicher Weise aus China mitbrachte oder in das Karate einführte. Sicher ist, dass sich bis heute eine große Anzahl von verschiedenen Übungen entwickelt haben, von denen ich einige her vorstellen möchte.

 

Aber warum ist Kakie überhaupt notwendig?

 

Ähnlich dem Chi Sao (wie z.B. Im Wing Chun und anderen südchinesischen Kung Fu Stilen) schult die Übung des Kakie die richtige und notwendige sensitive und reflexartige Verhaltensmuster, die in einer engen Kampfdistanz zur Kontrolle des Gegners führt. Wir kennen artverwandte Übungen aus den Escrima Stilen der Philippinen oder auch aus dem sogenannten "Push Hand" Training im Tai Chi Chuan. Vorrangig geht es bei diesen Übungen um die Entwicklung eines reflexartigen Gefühls, welches die knappe Zeit, die in einem Infight zur Verfügung steht, optimal zu nutzen und sogar zu verkürzen. Der Druck, den der gegnerische Angriff versucht aufzubauen, wird sinnvoll umgeleitet und gegen ihn benutzt. Gleichzeitig bekommt man instinktiv ein Gefühl für die Lücken in der gegnerischen Verteidigung und kann so mit relativ wenig Krafteinsatz den Kampf zu seinen Gunsten gestalten.

  

Einige besonders interessante Zeitgenossen lehnen den Kampf in der engen Distanz allerdings gänzlich ab, da sie der Meinung sind, dass sie Kampf in einer größeren (Schlag-Tritt-Distanz, oder von mir auch Wettkampf Distanz genannt) Distanz besser beherrschen könnten. Dies mag durchaus so sein, allerdings funktioniert dieser Ansatz nur so lange, wie es der Angreifer zulässt.

 

Neben den von mir hier beschriebenen Basis Übungen (von mir gerne auch als "Drills" bezeichnet) gibt es weiterführende Übungen. Die vorliegenden beiden Basis Übungen (basierend auf Bewegungen des Soto- bzw. Uchi Uke) legen mit ihren flüssigen Abläufen nur den Grundstein für das Beherrschen der engen Distanz. Fluß, beweglicher und doch flexibler Stand, ständiges weiter agieren unter Berücksichtigung von Schub und Zug, sowie der richtige Einsatz der Distanz entsprechenden "Waffen" ist nur der erste Teil. Von hier aus werden Methoden zur Brechung der gegnerischen Balance, Kontroll- und Hebeltechniken bis hin zu "rempeln und schubsen" in das Geflecht des Kakie integriert.

 

Kakie Training im Kenshikai Dojo von Hokama Tetsuhiro Sensei in Okinawa
Kakie Training im Kenshikai Dojo von Hokama Tetsuhiro Sensei in Okinawa

Uchi Uke Drill

 

Ein Partner greifen mit der rechten Hand mit einem Gyaku Tsuki an (dieses Ausgangsszenario haben die meisten Übungen gemeinsam, können von Fortgeschrittenen jedoch beliebig verändert werden). Der "Verteidiger" nimmt diesen Schlag mit seiner linken Hand von außen an, und "blockt" den angreifenden Arm in Richtung Zentrallinie des Angreifers. Ohne Unterbrechung schlägt der "Verteidiger" nun seinerseits einen Gyaku Tsuki, und wird somit zum Angreifer. Der andere Partner nimmt nun als "neuer Verteidiger" den Tsuki mit einen "Block" nach innen an, bewegt den gegnerischen Arm in Richtung dessen Zentrallinie. So entsteht quasi eine "Endlosschleife" in der Angriff und Verteidigung ständig und ohne Pause wechseln. Dabei sollte man langsam anfangen, komplett ohne Hast und Kraft arbeiten, und sich mehr auf die Ausweichbewegungen des Körpers und den richtigen Stand konzentrieren als auf das "wilde schlagen und blocken" mit den Armen.

 

 

Soto Uke Drill

 

 Das Eingangsszenario ist mit dem im vorherigen Drill identisch, lediglich die Anzahl der Techniken erhöht sich von zwei auf vier. Partner A greift wieder mit Gyaku Tsuki rechts an, Partner B verteidigt mit einem Block nach innen mit der linken Hand. Seine rechte Hand schießt nun gerade an den Ellbogen von A, um einen Ellbogenstoß zu vermeiden. Da seine linke Hand nun frei ist, drückt er mit dieser den Arm von A an dessen Ellbogen fest zu dessen Körpermitte (Oase Uke) und greift nun selber mit Gyaku Tsuki an. Die Reaktion von A entspricht nun allen genannten Aktionen, die B zuvor ausgeführt hat, sodass sich erneut eine Endlosschleife ergibt.

 

Für alle Leser, die sich intensiver mit der Thematik Kakie auseinandersetzen möchten, habe ich unten eine Download Datei angefügt. In dieser interessanten Abhandlung hat Sidney Leijenhorst eine hervorragende Zusammenfassung erstellt (leider liegt mir bislang noch keine deutsche Übersetzung vor, der Text ist im englischen Original). Ich bitte unsere Mitglieder den Text nur dann zu verbreiten, wenn sie ihn in seinem ursprünglichen Zustand belassen, bzw. klar auf die Quelle und den Autor Leijenhorst verweisen. Vielen Dank!

 

Sidney Leijenhorst - Kakie
Kakie.pdf
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