Karate und Tradition
Eigentlich wollte ich gar nicht darüber schreiben. Denn das Gerede um Traditionen und die sogenannten Traditionalisten gehen mir gehörig gegen den Strich. Aber vielleicht ist dieser Artikel gerade deshalb so wichtig…..
Ich erinnere mich sehr genau daran, als ich vor vielen Jahren zu Gast bei einem großen Gasshuku eines renommierten Karate Verbands war. In der Pause saß ich auf der Tribüne der Turnhalle, und hörte eine Unterhaltung zwischen zwei der anwesenden Karate Ka mit. „Weißt du“, sagte der eine „unser Stil gehört zu den 5 traditionellen Karate Stilen! Deshalb können wir zu Recht behaupten, das traditionelle und originale Karate zu betreiben!“ Der andere fragte ihn nach den anderen vier Stilen, worauf der erste erwiderte „Das weiß ich nicht, aber das ist auch nicht wichtig!“
Der Stil der beiden war natürlich Shotokan, der hierzulande von sehr vielen betrieben wird. Und obwohl ich diese Aussage gut verstehe, bezieht sie sich auf die japanischen Stile: Shotokan, Goju Ryu, Kyokushin Kai, Shito Ryu und Wado Ryu. Das ist, wie gesagt, die japanische Sicht auf die Dinge. Auffällig dabei ist, dass, von Goju Ryu mal abgesehen, die „ursprünglichen“ Stile wie z.B. Shorin Ryu überhaupt nicht erwähnt werden. Sind diese Stile denn dann überhaupt traditionell?
Der Duden definiert Tradition wie folgt:
„etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat]“
Gemäß dieser Definition fällt ein Stil (Idee / Verhaltensweise), der von einer Generation zur nächsten entwickelt und weitergegeben wurde, und immer noch Bestand hat, in die Kategorie „traditionell“. Somit ist ein Stil ab der zweiten Generation bereits traditionell 😉
Interessanter finde ich vor allem, dass hier von Entwicklung gesprochen wird. Also ist das Entwickeln (weiterentwickeln?) ein entscheidender Punkt, um das Kriterium Tradition zu erfüllen.
Vielleicht sollten wir mit dem Begriff der Tradition aufmerksamer umgehen. Vor allem, wenn wir unseren Stil nicht weiterentwickeln, und alten Traditionen nur blind folgen, ohne sie zu hinterfragen, ihre Zusammenhänge erkennen, und zu verstehen. Denn, wie Jean Jaurès bereits sagte:
„Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“

