Meine Kampfkunstlinie

Meine Kampfkunstlinie – Wie wichtig ist das eigentlich?

 

 

Abstammung und Linie sind in vielen asiatischen Ländern extrem wichtig. Geprägt durch die daoistische Ahnenverehrung kann einem auch heute noch die Abstammung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Linie Türen öffnen oder verschließen.

Für uns Europäer scheinen das Nichtigkeiten zu sein, aber in Japan und Okinawa ist Abstammung Teil des täglichen Lebens, denn sie definiert die Position einer jeweiligen Person in der gesellschaftlichen Struktur, in der sie sich bewegt. Abstammung bedeutet dort gleichzeitig auch eine gewisse Art von Legitimation.  Daher ist es nicht verwunderlich, dass man, meistens im Bereich des Shomen, ein oder mehrere Fotos der Ahnengalerie des jeweiligen Meisters findet.

 

Aber wie wichtig ist so eine Abstammungslinie tatsächlich? Wie wichtig ist sie für uns Europäer? Nun, es gibt immer die, die argumentieren, dass ihre Linie unverfälscht ist, und nur sie die wahre Lehre empfangen haben. Das ist natürlich völliger Unsinn, da niemand wirklich sagen kann, wie dieses unverfälschte und wahre Wissen ursprünglich ausgehen haben mag. Aber um ganz ehrlich zu sein, ich selbst bin ein klein wenig stolz auf meine Linie. In den klassischen Stilen, die ich erlernt habe, ist sie kurz und sehr direkt. Nehmen wir beispielsweise meine Goju Ryu „Herkunft“. Miyagi Chojun, der Begründer des Stils, hatte mehrere Schüler, von denen vermutlich der älteste Higa Seiko war. Mein Lehrer, Hokama Tetsuhiro Sensei, war unter anderem Schüler von Higa. Somit ist diese Linie so kurz, wie sie in unserem Jahrhundert nur sein kann. Linien von europäischen Lehrern sehen in der Regel völlig anders aus (auch wenn es hier Ausnahmen gibt!), und meistens sind europäische Lehrer Schüler der fünften, sechsten Generation.

 

Aber macht das mein Karate auch wirklich besser oder unverfälschter? Natürlich nicht! Denn egal wie gut der Lehrer ist, den man hat, egal wie direkt eine Übertragungslinie auch sein mag, man muss daran arbeiten und man muss üben, recherchieren und vor allem muss man verstehen und sich entwickeln. Denn letztlich geht es in den Kampfkünsten genau um das: Entwicklung!

 

 

Also lassen wir uns von solchen Linien nicht ins Box Horn jagen. Ja, mich als Schüler erfüllt sie mit Ehrfurcht und  Respekt, da die Weitergabe dieses Wissen auch in meinen Händen liegt. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen.